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Die Menschen hüllten sich in warme Mäntel - Geschichte zur Anti-Minarettinitiative

Die Menschen hüllten sich in warme Mäntel

von Tony Ettlin

Über das Wochenende war es spürbar kälter geworden. Ahmed zog die gefütterte, schwarze Jacke an und wickelte den schwarz-weiss karierten Schal um den Hals. Als er aus der Haustüre trat, blies ihm ein beissender Wind ins Gesicht. "So ist die Schweiz" murmelte er vor sich hin und dachte an die Minarett-Abstimmung vom Sonntag. An der Bushaltestelle standen die Leute, die er jeden Morgen dort traf. Er nickte "guten Morgen" und zog seinen Schal noch etwas weiter ins Gesicht. "Vier  von diesen sechs Leuten haben also am Wochenende ein Ja in die Urne gelegt", rechnete er. Keiner blickte ihn an. Keiner erwiderte seinen Gruss. Sie schützten sich mit hochgeschlagenen Mantelkrägen gegen den Wind und starrten auf die nasse Strasse. Schämten sie sich? Sie schauten gebannt auf das Display ihres Handys, taten so, als würden sie Zeitung lesen, auch wenn sie im Dunkeln nur die Schlagzeilen erkennen konnten. "Schweiz verbietet Minarette", las Ahmed bevor sich der Nachbar abdrehte und die Zeitung zum Sportteil kehrte. "Schweiz stimmt gegen Toleranz" wäre ehrlicher, dachte Ahmed. Oder warum nicht: "Schweiz will keine Muslime". "Schweizer wollen unter sich bleiben", "Schweizer fühlen sich als etwas Besseres", "Die Schweiz gehört den Schweizern" schrie es in Ahmed und er ballte die Fäuste in der Jackentasche. Er lebte seit 15 Jahren in der Schweiz, hatte eine Berufslehre als Krankenpfleger gemacht, hatte Schweizerdeutsch gelernt, spielte im Volleyballclub des Dorfes, interessierte sich für das gesellschaftliche und politische Leben in der Schweiz und wollte eigentlich im nächsten Jahr das Einbürgerungsgesuch stellen. Nun war er nicht mehr sicher. Er fühlte sich nicht mehr willkommen. Er war gläubiger Muslim, verrichtete seine täglichen Gebete, ging am Freitag in die Moschee, versuchte seinen Glauben mit der Schweizer Kultur in Einklang zu bringen. Er fand es nicht nötig, dass man Minarette aufstellt. Aber dass darüber abgestimmt wird und dass eine grosse Mehrheit sich für ein Verbot aussprach, das verletzte ihn. Er verstand, was die Ja-Sager meinten. Wir haben Angst vor Überfremdung. "Wir setzen den Islam gleich mit Terrorismus, Frauenfeindlichkeit, Mädchenbeschneidung, mittelalterlichen Strafmethoden, Intoleranz, Krieg. Wir fühlen uns durch das fremde, machohafte Benehmen der muslimischen Männer in unserem gewohnten Alltag gestört und bedroht", las er in den Zeitungen. Nie hörte er es von Arbeitskolleginnen. Überhaupt hatte er noch keinen angetroffen, der Ja gestimmt hatte.


Ahmed war ein sanfter Mensch. Er fühlte sich unverstanden und ungerecht behandelt. "Ich bin Muslim und ich bin nicht so!" schrie die Stimme in ihm. Und er kannte viele Muslime, die nicht so waren. Seine Gedanken drehten sich im Kreise während der Bus durch die erwachende Stadt fuhr.

Auf der Station traf er seine Arbeitskolleginnen, drei Deutsche, eine Albanerin, eine Portugiesin, eine Tamilin und zwei Schweizerinnen. Eine davon war die Stationsleiterin. An der Personalorientierung am letzten Freitag hatte er vom Spitaldirektor gehört, dass der Ausländeranteil im Spital in der Zwischenzeit auf vierzig Prozent angestiegen sei, beim Pflegepersonal gar auf sechzig Prozent. Der Direktor hatte betont, dass das Spital auf diese ausländischen Arbeitskräfte angewiesen sei und dass man bei politischen Entscheiden daran denken müsse. Alle wussten, was er meinte. Das Abstimmungsresultat beeinflusste es nicht. Alle hatten vermutlich ihre Stimme schon abgegeben, anonym und mit ihren persönlichen Begründungen, die niemanden etwas angingen.

Ahmed hatte keinen guten Tag. Es lag eine lähmende Schwere in der Luft. Die Arbeitskolleginnen vermieden den direkten Kontakt mit ihm. Niemand sprach von der Abstimmung. Er ging alleine zum Mittagessen, versuchte mit den Patientinnen und Patienten den normalen Kontakt aufzunehmen, aber auch sie schienen heute besonders reserviert zu sein. Nur Frau Huber im Zimmer 214 flüsterte, als er ihr Bett machte: "Sie sind heute so still. Sind Sie traurig wegen der Abstimmung?" Er nickte und sie sage: "Ich auch!" Dann ging die Türe auf und eine Kollegin brachte die Medikamente.

Als er um 18.00 h das Spital verliess traf er an der Bushaltestelle wieder auf eine schweigende Menschenmenge. Sie waren in warme Mäntel gehüllt. Es war spürbar kälter geworden.

 

 
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